20100522/SZ/Hoeneß: "Dann kommt der Wasserfall"

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22. Mai 2010, 10:07 Uhr

Uli Hoeneß im Interview"Dann kommt der Wasserfall"

Im Vorfeld des Finales in Madrid: FC-Bayern-Präsident Uli Hoeneß über den modernen Jugendstil des Champions-League-Finalisten und die komplizierte Annäherung an Lehrmeister Louis van Gaal.

Interview: Klaus Hoeltzenbein und Ludger Schulze

SZ: Herr Hoeneß, warum hat man das Gefühl, dass fast das ganze Land im Champions-League-Finale dem FC Bayern die Daumen drückt? Warum polarisiert der FC Bayern am Ende dieser Fußballsaison in Deutschland nicht mehr?

Hoeneß: Wir polarisieren nach wie vor. Das ist jetzt nur etwas abgemildert durch den Fußball, den unsere Mannschaft zeigt. Jetzt sagen ja sogar unsere größten Kritiker: Mögen tu' ich sie nicht besonders, aber kicken tun sie gut!

SZ: Wie erleben Sie diese plötzliche Welle der Sympathie?

Hoeneß: Ein Schalke-Fan wird nie Bayern-München-Fan, aber er sagt jetzt: Sieht ganz gut aus! Oder die Reaktion der Bremer Zuschauer beim Pokalfinale: Die Bremer Fans sind stehengeblieben bei der Feier; normalerweise geht der Gegner, wenn der FC Bayern geehrt wird. Darin erkenne ich schon Respekt.

SZ: Der Offensivfußball ist der gemeinsame Nenner, hinter dem sich alle versammeln können?

Hoeneß: Ich glaube, dass es mehr ist. Schauen Sie in die Gesellschaft, da gibt es ja gerade wenig, woran die Leute Spaß haben können. Es gibt die Sorge um den Arbeitsplatz, um den Euro, um die gesamte politische Situation in unserem Land, in Europa. Wie geht das alles weiter? Da sind so viele Fragezeichen. Jetzt kommt ein Fußballverein daher, und wenn die kicken, kann ich mich freuen.

SZ: Das ist schon alles?

Hoeneß: Ich glaube, es hängt auch damit zusammen, dass viele den FC Bayern als eine Bastion sehen: für seriöses Wirtschaften, für Erfolgsstreben, für den Spaß, aber auch für die Darstellung von Visionen. In einer Zeit, in der die Firmen nicht mehr so viel Geld verdienen, die Banken Probleme verursachen, die Politik in Berlin, Paris und London, um ehrlich zu sein, wahrscheinlich nicht mehr weiter weiß, kommt so ein Verein daher, der wie ein Schiff geradeaus fährt. Das verkörpert, was die Leute gerne hätten.

SZ: Durch freche Pässe, schöne Tore?

Hoeneß: Zum Beispiel im Pokalfinale; dass unser Trainer Louis van Gaal trotz einer 3:0-Führung nicht sofort zwei, drei Leute auswechselt, obwohl er eine Woche später das Champions-League-Finale spielen muss. Nein, er lässt Mark van Bommel drin, obwohl der rotgefährdet war. Er holt Arjen Robben nicht raus. Sie kombinieren einfach weiter. Sie wollen weiter sich und ihr Publikum begeistern.

SZ: Dann ist es mit dem FC Bayern ein bisschen wie im alten Rom: Brot und Spiele als gesellschaftliche Ablenkung?

Hoeneß: Ja, das ist auch ein bisschen wie Zirkus ...

SZ: ... wie Staatszirkus.

Hoeneß: Aber das ist nur eine Erklärung, das ist nicht unser Ziel. Wir wollen doch jetzt nicht die Heilsbringer der Nation sein, es wirkt nur so.

SZ: Vor vier Jahren, zur WM 2006, hatten Sie gesagt, es sei Ihr Ziel, dass der FC Bayern eine Art FC Deutschland werde.

Hoeneß: Das war nur ein Wunsch. Darauf haben wir nicht hingearbeitet, und es hat auch nicht geklappt. Und jetzt, wo wir es gar nicht so im Programm hatten, ist es durch die Hintertür passiert. Es ist aber kein Zufall, dass der Herr Seehofer sagt, für uns als CSU ist es wichtig, dass der FC Bayern oben steht, denn das ist auch gut für die CSU. Die CSU steht fürs Land, der FC Bayern steht fürs Land.

SZ: Was hat Sie persönlich am meisten begeistert an der Saison?

Hoeneß: Dass wir jetzt einen Trainer haben, der jungen Leuten eine Chance gibt. Er kann Spieler starkreden. Er ist sehr streng, aber er hat aus diesen jungen Burschen, nehmen Sie das Beispiel Thomas Müller, Männer gemacht, die an sich glauben. Das war jahrelang ein Problem. Die jungen Spieler haben gesagt: Ich würde ja gerne zum FC Bayern kommen, aber da habe ich doch keine Chance. Jetzt wird vieles relativiert: dass es ein Podolski bei uns nicht geschafft hat, dass es viele nicht geschafft haben, lag weniger am FC Bayern, sondern an den Spielern selbst. Man kann es hier schaffen, das beweisen Badstuber, Müller, die jetzt mit zur WM nach Südafrika fahren.

SZ: Der FC Deutschland ist also durch einen Niederländer realisiert worden.

Hoeneß: Ja. Absolut. Das ist sehr eng mit Louis van Gaal verbunden. Nach der Trennung von Jürgen Klinsmann habe ich gesagt: Wir suchen einen Fußballlehrer - den haben wir jetzt. Jürgen hat anfangs gesagt: Ich will jeden Spieler jeden Tag besser machen - das ist total misslungen. Van Gaal hat's nicht gesagt, aber er macht's. Er hat die Spieler en gros verbessert. Damit hat er das Kapital des FC Bayern erheblich vermehrt. Das ist der Unterschied. Jürgen hat die Infrastruktur geschaffen durch dieses neue Gebäude an der Säbener Straße, dafür brauche ich aber keinen Trainer, dafür kann ich einen Architekten nehmen. Jetzt haben wir den Trainer, der aus dieser Infrastruktur das rausholt, was man aus ihr rausholen kann.

SZ: Für die Innovationen sind Sie Jürgen Klinsmann immer noch dankbar?

Hoeneß: Für die Infrastruktur. Aber was daraus gemacht wurde, das hat auch der neue Trainer geschafft. Unter Jürgen Klinsmann war eine Missstimmung in der medizinischen Abteilung, jeder gegen jeden. Das war ein Chaos, und van Gaal hat das jetzt alles strukturiert. Ich höre nie von einem Problem. Wir können uns um das wahre Geschäft kümmern.

"Sie feiern extrem"

SZ: Der Mann wird der General genannt. Das ist er offenbar auch.

Hoeneß: Er kümmert sich. Es ist eine Struktur da, er hat für alles und jeden seine Leute. Am Anfang war das sehr gewöhnungsbedürftig. Bis heute haben wir ein ... nicht distanziertes, das wäre zu viel, aber ...

SZ: ... reserviertes...

Hoeneß: ... ist auch zu hart, momentan zumindest: Wir haben ein Verhältnis, das von großem Respekt getragen wird, aber wir liegen uns nicht gegenseitig in den Armen. Zum Ende der ersten Saison weiß er, wie wir ticken. Wir wissen, wie er tickt. Wir haben uns einander angepasst.

SZ: In einem komplizierten Prozess.

Hoeneß: Keine Frage, auf den Sitzungen haben die Wände gewackelt. Aber es ist eine gute Streitkultur entstanden, von der draußen nie etwas zu hören ist. Denn er ist auch einer, der dann Ruhe gibt, und nicht beleidigt oder nachtragend ist. Bei ihm werden, das konnten wir inzwischen feststellen, zwei Dinge gut miteinander verbunden, die die Leute wollen: Die Leute wollen, dass die Burschen hart arbeiten, und dann lassen die Leute sie auch feiern. Und sie feiern extrem.

SZ: Ist van Gaal dieses ,,Feier-Biest'', als das er sich selbst bezeichnet?

Hoeneß: Es gibt bei ihm diese zwei Gesichter. Hart arbeiten - und wenn er beim Rotwein sitzt, ist er ein sehr lustiger Partner, der auch was verträgt. Und das können lange Nächte werden.

SZ: Wie froh sind Sie heute, dass Sie ihn im November nicht entlassen haben?

Hoeneß: Das ist hochstilisiert worden. Die Entscheidungslage war nicht so, dass, wenn wir gegen Leverkusen verloren hätten (Anm. d. Redaktion: Das Spiel endete 1:1), was passiert wäre. Sondern es war damals schon entschieden, dass wir in jedem Fall bis zur Winterpause warten und erst dann beraten.

SZ: Wie waren Sie überhaupt auf van Gaal gekommen?

Hoeneß: Wir hatten eine Sitzung, Karl-Heinz Rummenigge, Franz Beckenbauer, Karl Hopfner, Christian Nerlinger und ich. Jürgen Klinsmann war nicht mehr da,Jupp Heynckes hatte gerade für die letzten fünf Saisonspiele als Interimstrainer begonnen. Jeder sollte einen ausländischen und einen deutschen Trainer auf ein Blatt Papier schreiben. Bei den Ausländern stand vier Mal der Name van Gaal. Und weil das so eindeutig war, haben wir mit ihm Kontakt aufgenommen, nachdem er gerade mit Alkmaar holländischer Meister geworden war.

SZ: Sie wussten, dass Mann und Methoden gewöhnungsbedürftig sind?

Hoeneß: Um Urteile und Vorurteile haben wir uns hier noch nie groß geschert. Wir waren so heiß auf einen Fußballlehrer. Wir wollten einen, der schön spielen lässt, der die Jungs entwickelt ...

SZ: ... doch dann begann dieses unendliche, zielarme Ballgeschiebe mit dem schlechtesten Bundesligastart in der Geschichte des FC Bayern. Damals sind doch auch Sie von der Tribüne runter, zornbebend, und haben gesagt: Herr van Gaal, bitte, dort vorne steht das Tor!

Hoeneß: Wir haben relativ schnell erkannt, dass es wenig Sinn hat, ihm irgendwas zu sagen. Ab einem gewissen Zeitpunkt haben wir ihm freie Fahrt gegeben, aber wir haben ihm auch gesagt, dass wir nicht bis zum St. Nimmerleinstag auf Erfolg warten können.

SZ: Wann haben Sie gespürt, dass sich da was entwickelt?

Hoeneß: Ende November war so ein Knackpunkt, auf unserer Jahreshauptversammlung. Leichte Pfiffe, nicht schlimm, Franz wurde damals als Präsident verabschiedet, ich als Manager, und als Schluss war, sind plötzlich die Trainer und die drei Kapitäne mit großem Beifall verabschiedet worden. Van Gaal hat auf dieser Versammlung auch den Verein kennengelernt. Die Neuen haben ja alle gedacht, das ist hier so ein abstraktes, seelenloses Gebilde - und dann sind da 5000 Menschen, und van Gaal staunt und sagt: ,,Da haben die fünf Stunden gesessen, ohne aufzustehen, das wäre in Holland undenkbar.'' Das war freitags, am Sonntag haben wir in Hannover gespielt und fortan kein Spiel mehr verloren. Wenn man bedenkt, dass Schweinsteiger auf der Hauptversammlung am meisten ausgepfiffen wurde: Gerade der steht symbolisch für die Entwicklung seither.

SZ: Ist Schweinsteiger Ihr Spieler der Saison?

Hoeneß: Das sind genau die Fragen, die diese Mannschaft nicht hören will. Sie will als Mannschaft gesehen werden, wenn nur immer von Ribéry und Robben die Rede ist, wird sie ein bisschen böse.

SZ: Aber Schweinsteiger ...

Hoeneß: ... genau, Schweinsteiger! Bastian Schweinsteiger! Nicht mehr Basti, Schweini, oder Basti fantasti. Man wird ihm so nicht gerecht, Bastian Schweinsteiger ist ein richtiger Mann geworden. Früher hat er sich mehr Gedanken gemacht, in welche Kneipe gehe ich am Abend, mit welchem Haarschnitt, und was muss ich mir für Fingernägel machen, damit ich auffalle. Jetzt fällt er durch das auf, wofür er bezahlt wird: durchs Fußballspiel, und das ist phantastisch anzuschauen.

SZ: Es scheint, als hätten sich alle, Spieler und Verein, mit van Gaals rigider Methodik abgefunden. Heiligt der Erfolg die Mittel?

Hoeneß: Ich frage mich auch heute noch: Ist das zeitgemäß? Diese Disziplin, die Essensregeln, die Kleiderordnung. Dieses: Erst mal alles einreißen, und dann langsam wieder aufbauen. Aber jetzt, nach zwölf Monaten, muss ich manches revidieren. Weil: Die ersten vier Trainer in der Tabelle der Bundesliga, das sind alles die Gleichen, jeder auf seine Art: van Gaal, Magath, Schaaf, der ist ja auch ziemlich strikt, und Heynckes. Die haben das ganze Modell des Frei-laufen-lassens, das Modell der Klinsmanns und Rangnicks, ad absurdum geführt. In Hoffenheim räumen sie gerade alles aus der Kabine raus, wie wir das hier nach Klinsmann auch erlebt haben. Das ist eine ganz bittere Erkenntnis ...

SZ: ... die Ihnen nicht gefällt ...

Hoeneß: ... weil die Folgerung daraus ist: dass der junge Mensch anscheinend die harte Hand braucht. Wir haben hier nur einen Querschnitt der Gesellschaft.

Wir suchen einen Außenverteidiger

SZ: Wenn der Trainer so ein Absolutist ist, wieso wirkt die Elf nicht mehr verstockt, verschüchtert, sondern frei, frech, fröhlich? Warum sind da solche sportlichen Freigeister unterwegs?

Hoeneß: Moment, Freigeister sind da keine unterwegs. Wir haben ja nur maximal zweieinhalb Freigeister.

SZ: Robben, Ribéry, und der halbe?

Hoeneß: Olic vielleicht. Aber sonst? Alle anderen spielen schon sehr genau in der vorgegebenen Ordnung.

SZ: Jeder in seinem Planquadrat?

Hoeneß: Nicht nur auf dem Spielfeld. Ich sage immer: Wir sind hier nach Appledas modernste Technikzentrum der Welt. Alles wird erfasst. Was van Gaal nicht sieht, das sieht einer mit der Kamera. Jeder Pass wird analysiert. Van Gaal kann Ihnen sagen: In der zwölften Minute des Trainings hätte der Pass nicht neunmeterfünfundsiebzig nach rechts gespielt werden müssen, sondern dreimeterfünfundachtzig nach links. Aber alles ist bei ihm Fußball. Nur Fußball. Die längste Laufeinheit waren sieben Minuten.

SZ: Lakatwerte kennt er nicht?

Hoeneß: Wird schon auch untersucht. Aber was auch interessant ist: Er hört zu. Er gibt den Spielern das Gefühl, dass er zu Veränderungen bereit ist. Er ist da kein sturer Bock. Er hat gesagt, dass er früher nie, nie nach einem Spiel zwei Tage frei gegeben hat. Erst bei den Bayern. Weil die Spieler gute Argumente gebracht haben. Aber das ist ja das Schöne: Wenn er sie zwei Tage rauslässt, müssen sie am Samstag gut spielen.

SZ: Und jetzt müsste er aufhören?

Hoeneß: Warum eigentlich?

SZ: Weil man immer aufhören sollte, wenn es am schönsten ist.

Hoeneß: Ich glaube, dass er klug genug ist zu sehen, dass er für seine Arbeit nirgendwo bessere Bedingungen bekommt. Hier hat er die Chance, eine Ära einzuleiten. Gewinnen kannst du die Champions League nicht immer, aber permanent unter den vier, fünf Besten zu sein, das schaffen wenige. Seit van Gaal 2003 vom FC Barcelona weggegangen ist, hat ihm niemand mehr diese Bedingungen geboten. Eine holländische Meisterschaft mit Alkmaar ist zwar eine feine Sache, aber das entspricht nicht seinem Anspruch.

SZ: Wenn aber das Triple, das Maximum, schon im ersten Trainerjahr erreicht würde, müssten dann nicht völlig neue Impulse gesetzt werden?

Hoeneß: Warum? Selbst wenn wir überhaupt keinen Spieler kaufen würden, hätte ich keine Sorgen. Toni Kroos kommt aus Leverkusen zurück, Breno aus Nürnberg. Wenn's das schon wäre, kein Problem.

SZ: Aber einen Außenverteidiger...

Hoeneß: ... den suchen wir. Wir haben den passenden noch nicht gefunden.

SZ: Einen linken Verteidiger?

Hoeneß: Wenn wir einen super rechten Verteidiger finden, wird Philipp Lahmhalt wieder links spielen. Was glauben Sie, was der Ribéry mit dem Lahm auf der linken Seite aufführen würde?

SZ: Einige Jahre nach dem Champions-League-Sieg von 2001 hat der Trainer dieser Mannschaft, Ottmar Hitzfeld, gesagt, es sei ein Fehler gewesen, dass er im Triumph nicht sofort aufgehört habe.

Hoeneß: Es besteht ein großer Unterschied zwischen der Mannschaft von damals und der von heute. Die Mannschaft damals hatte schon alles aus sich herausgeholt, das war das Ende einer Ära. Ein Andersson, ein Linke, ein Sergio, auch ein Lizarazu, ein Matthäus, ein Elber, die waren doch alle schon am Limit. Heute kann ich damit rechnen, dass ein Gomez, ein Badstuber, ein Müller, ein Alaba, ein Contento, dass die alle noch stärker werden. Selbst Robben. Er ist erst26. Die damalige Mannschaft war kämpferisch, leidenschaftlich, die heutige ist nicht so erfahren, aber sie ist spielerisch viel besser.

SZ: Angenommen, Sie sollten fürs Museum ein abstraktes Bild von dieser Mannschaft malen...

Hoeneß: Ich würde sie als einen Fluss zeichnen. Alles fließt. Wenn mehr Wasser drin ist, überschwemmen wir die anderen. Wenn weniger drin ist, geht es gemächlicher. Alles ist kontrolliert. Manchmal aber steht einer am Staudamm und macht auf - dann kommt der Wasserfall.

Robben ist wie ein Rennpferd

SZ: Dass Arjen Robben im Herbst 2009 von Real Madrid zum FC Bayern fand, darf als Glücksfall der Klubgeschichte bezeichnet werden. Werden Sie sich in Madrid bedanken, dass Sie Robben damals für rund 24 Millionen Euro bekommen haben? Gemessen an seinem Unterhaltungswert also für relativ kleines Geld.

Hoeneß: Wir sind dort Gast. Wir wollen in Madrid niemanden verärgern.

SZ: Ärgern werden sich die Madrilenen selbst. Es spielen am Samstag zwei Spieler, Sneijder und Robben, die ...

Hoeneß: ... bei Real einmal Schlüsselpositionen hatten. Das muss diesen Verein schon in seinen Grundfesten erschüttern. Aber Real hat andere Strukturen. Die sind nie so nah dran an den Spielern, wie wir es sind. Das ist keine Familie, das ist ein Unternehmen. Und dann hatten sie im Sommer 2009, das muss man wissen, auch ihre spezielle Holländer-Problematik. Die haben ja plötzlich versucht, alle Holländer loszuwerden, Huntelaar, Sneijder, van der Vaart, Drenthe und Robben. Jetzt spielt Sneijder super bei Inter Mailand und Robben bei uns.

SZ: Es war ein Riskotransfer. Es hieß immer: Robben ist verletzungsanfällig.

Hoeneß: Da kamen zwei Komponenten zusammen. Erstens kannte Louis van Gaal ihn als Mensch wie als Spieler, und zweitens haben wir den besten Sportarzt der Welt. Nur diese Kombination hat den Transfer möglich gemacht. Erst nachdem Dr. Müller-Wohlfahrt gesagt hat, da ist nichts Grundsätzliches, haben wir es gemacht. Es waren bei Robben ja fast immer muskuläre Probleme, die aus seiner Sicht vom Rücken her kommen. Wäre unser Müller-Wohlfahrt mit seiner medizinischen Abteilung in Chelsea oder bei Real Madrid, hätte Robben an diesen beiden Orten nie ein Problem gekriegt.

SZ: Warum?

Hoeneß: Es ist die ärztliche und die psychologische Betreuung. Diese Kombination. Man muss einem Spieler das Gefühl geben, es geht, auch wenn er ein Zipperlein hat. Er muss das totale Vertrauen zu einem Arzt haben, der sagt: Es kann dir da und da ein bisschen weh tun, aber wenn du das im Spiel über eine Viertelstunde freiläufst, kann nichts passieren. Ist dieses Vertrauen nicht da, kannst du einen Robben nicht kaufen. Er ist wie so ein empfindliches Rennpferd, das ein bisschen mehr Pflege als andere braucht.

SZ: Real Madrid hat vor dieser Saison fast 300 Millionen Euro investiert, hat für offiziell 96 Millionen Euro Cristiano Ronaldo gekauft, nur um in dieses Finale am Pfingstsamstag im eigenen Stadion zu gelangen. Im Achtelfinale war Endstation. Nun spielt der FC Bayern in Madrid vor. Ist jetzt der Punkt gekommen, den Sie immer angestrebt haben: auf Augenhöhe zu sein mit den anderen Großen?

Hoeneß: Noch nicht, aber in drei Jahren. Erst wenn das Financial Fairplay kommt, die neuen Finanzregeln, und wenn wirklich alle bilanzieren müssen vor der Uefa, wenn sie keine großen Verluste mehr ausweisen dürfen, dann ist das Ziel erreicht. Da werden manche, so wie sie heute finanzieren, keine große Chance mehr haben. Deshalb werden Vereine wie Lyon, wie Bayern, selbst Bremen oder der HSV, wenn sie bald wieder sportliche Kompetenz im Vorstand haben, aussichtsreicher sein. Die Bundesliga ist auf das Financial Fairplay viel besser vorbereitet als alle anderen Ligen. Inter Mailand hat vergangene Saison140 Millionen Verlust gemacht, mit so einer Situation kriegen die in drei Jahren keine Genehmigung mehr, in der Champions League zu spielen.

SZ: Ist der FC Bayern der finanziell gesündeste Klub in Europa?

Hoeneß: Will ich nicht behaupten. Ich hab' immer nur gesagt, dass ich die Champions League nur in einem Jahr gewinnen will, in dem wir auch schwarze Zahlen schreiben. Schauen Sie mal alle Sieger der letzten Jahre an, da hat keiner schwarze Zahlen geschrieben. Da wurde immer nur auf Pump gewonnen. Wir haben das x-te Mal hintereinander schwarze Zahlen, die Umsätze werden sich erstmals über 300 Millionen Euro bewegen. Wenn wir die Champions League gewinnen, können wir besonders stolz sein, vor allem, weil wir dann gegen einen Gegner gewonnen haben, der mit den größten wirtschaftlichen Verlust macht.

SZ: Aus der privaten Schatulle.

Hoeneß: Ja, der Moratti zahlt's selber. Und so lange er das tut, habe ich auch kein Problem damit. Sollten wir aber jetzt den absoluten Erfolg haben, entspricht das genau dem Ideal, das ich immer gepredigt habe: Wir wollen sportlichen Erfolg, aber nur auf der Basis wirtschaftlicher Vernunft.

SZ: Und was würde ihnen dieses Triple persönlich bedeuten?

Hoeneß: Drei Titel wären toll, super, ich freu' mich, aber sie geben mir nichts Besonderes. Viel mehr gibt mir dieses Bild, das ich im Moment vom FC Bayern in der Öffentlichkeit entdecke. Die Anerkennung für unsere Arbeit, aber auch für meine Arbeit in den letzten 30 Jahren. Ich bin als Gesprächspartner gefragt, in der Politik, in der Industrie, ich bekomme Anfragen, ob ich in diverse Aufsichtsräte gehen will. Wenn ich im Flugzeug sitze, beim Essen, kommen wildfremde Leute und sagen: Herr Hoeneß, ich bin aus Hamburg. Ich drücke ihnen für Madrid die Daumen.

SZ: Da gehen doch die Ziele aus.

Hoeneß: Warum? Ich will der Patron des FC Bayern sein, der darauf achtet, dass es den Leuten gut geht. Ein moderner Unternehmer muss auch ein Patron sein. Ich bin stolz darauf, dass wir mehr als 20.000 Leute mit nach Madrid bringen, dass wir allen 460 Angestellten für die erfolgreiche Saison mindestens ein Extragehalt zahlen. Ich will, dass es den Leuten gutgeht, nicht nur dem Ribéry, sondern auch dem Platzwart. Wenn das so ist, funktioniert die Company.


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