20081216 merkur interview: Klinsmann – ein radikal

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Zirkus-Nummer: Auch das beherrscht Philipp Lahm – hier beim Auftritt als Illusionist für die Fernsehshow „Stars in der Manege“. © dpa

Aktualisiert: 16.12.08 08:26

„Klinsmann – ein radikaler Trainer“

München – Philipp Lahm über die Hinrunde des FC Bayern , sein starkes Jahr und Fußballer auf der Skipiste

Wenn Jürgen Klinsmann gefragt wird, bei welchem Spieler es besonders gut geklappt habe, ihn „von Tag zu Tag besser zu machen“, dann nennt er zuallererst Philipp Lahm und sagt über ihn: „Was er spielt, ist unglaublich.“ Und in der Tat: Der 25-Jährige hat eine prachtvolle Vorrunde absolviert – und überhaupt war es ein großartiges Jahr für den gebürtigen Münchner. Im Gespräch mit unserer Zeitung zieht er Bilanz.

-Herr Lahm, die Hinrunde ist gespielt, es geht in die Winterpause. Die wird vorläufig zum letzten Mal schön lang. Ab 2010 fällt sie um einige Wochen kürzer aus. Was denkt man darüber als Spieler? 

Ich glaube, dass uns der Urlaub immer ganz gut tut. Wenn man in andere Ligen schaut, dann ist es schon angenehm, im Winter ein, zwei Wochen Urlaub zu haben. Da spreche ich für alle Spieler.

-Was glauben Sie, wo die Zeit eingespart werden muss? Kein Wintertrainingslager im Süden mehr?

Wahrscheinlich wird der Urlaub auf eine Woche verkürzt. Ob wir dann noch in ein Trainingslager gehen? Kaum, denn in einer Woche verliert man nicht viel von den Grundlagen.

-Das Skifahren zur Vorweihnachtszeit. . .

Skifahren ist immer schon meine Leidenschaft gewesen. Ich werde auch nächstes Jahr schauen, dass das irgendwie geht.

-Sie haben aber Glück, dass Sie einer Generation angehören, der Skifahren erlaubt ist. Früher in den Profifußballer-Verträgen war das ausdrücklich verboten. Pierre Littbarski etwa reiste immer unter falschen Namen in einen deutschen Ferienclub ins Engadin, nichts durfte rauskommen. Sie müssen sich nicht verstecken. Doch ist Skifahren für Sie gefährlich? 

Wenn man’s kann, ist es nicht gefährlich. Passieren kann heutzutage überall was, auf der Straße, auf dem Gehweg, wenn’s glatt ist. Man hat nicht mehr Risiko, wenn man Skifahren geht, als wenn man nicht Skifahren geht.

-Aber Buckelpiste und Gelände sind tabu? 

Das sowieso. Ich bin auf sauber präparierten Pisten brav unterwegs.

-Blicken wir aufs Fußballjahr 2008 zurück. Ihr bestes Jahr?

Das weiß ich nicht, doch zumindest war es ein erfolgreiches Jahr. Ich glaube, ich habe mich weiterentwickelt. Darum war es für mich persönlich sehr gut. Und es gab zwei Vereinstitel und die Vizeeuropameisterschaft.

-Welche Bilder des Jahres ziehen an Ihnen vorüber? 

Berlin natürlich, das Pokalfinale, es ist immer wieder was Besonderes, dort zu stehen. Genauso wie auf dem Münchner Rathausbalkon zu sein, unten die Fans zu sehen, das sind prägende Ereignisse. Und die Europameisterschaft, ein großes Turnier. Aber der Trainerwechsel und das neue Gebäude hier beim FC Bayern gehören auch zu den Momenten des Jahres.

-War Ihre Top-Emotion das Last-Minute-Siegtor im EM-Halbfinale gegen die Türkei? 

Mein Tor im Halbfinale werde ich immer irgendwo im Kopf haben, doch in erster Linie denkt man im Rückblick an die EM als Ganzes.

-Klinsmann statt Hitzfeld beim FC Bayern – das war einschneidend. Miroslav Klose sagte neulich, für manche Spieler, die den Neuen und seine Methoden noch nicht von der Nationalmannschaft kannten, sei schon die erstmalige Begegnung etwa mit Stabilisationsmöglichkeiten eine große Umstellung gewesen. Hatten Sie einen glatteren Übergang erwartet? 

Die Übungen waren für manche was Neues, aber sicher nicht so gravierend, dass man sagt, jetzt könne man nicht mehr so Fußball spielen wie vorher. Aber es war nicht das Einzige, was sich geändert hat. Da kam ein neuer Trainer, mit einer neuen Philosophie, die alles in Frage stellt. Jürgen Klinsmann ist ein – in Anführungszeichen – radikaler Trainer. Man ist nicht mehr ins Hotel gegangen vor dem Spiel, das System war anders, er hat rotiert am Anfang, vieles ausprobiert, was ganz normal war. Es war schwer, das hatte ich auch erwartet – doch jetzt sind wir in die Saison reingekommen und haben 16 Spiele nicht verloren. Da sieht man doch: Es hat was gebracht.

-Einige Neuerungen hat Klinsmann revidiert, man geht jetzt vor den Heimspielen wieder ins Hotel. Gab es eine offene Kommunikation darüber zwischen Team und Trainer? 

Klar, er hat die Mannschaft nach ihrer Meinung gefragt. Es gab in der Mannschaft unterschiedliche Meinungen, doch man hat dann gesehen, dass es das Beste ist, wenn man sich vor dem Spiel zurückzieht. Es lag sicher nicht nur daran, dass wir anfangs nicht gut gespielt haben. Doch der Trainer hat festgestellt, dass er was korrigieren muss. Das zeichnet ihn auch aus, dass er zwar was neu macht, aber auch zurückgehen kann. Genauso in Sachen System. Er hat gesehen, welches am besten zur Mannschaft passt – und seitdem spielen wir das.

-Als Manager Uli Hoeneß nach dem Sieg in Karlsruhe mit bewusster Aggressivität vom Ziel Herbstmeisterschaft sprach, was hat da die Mannschaft gedacht?

Ich habe auch in der Krise sozusagen gesagt, dass es Ziel ist, Herbstmeister zu werden. Weil wir die Qualität haben und ich der festen Überzeugung bin, dass wir am Ende eh oben stehen werden.

-Sie wurden häufig als möglicher Kapitän genannt. Beim FC Bayern, wo Mark van Bommel dann das Amt bekam, und auch bei der Nationalmannschaft, für den Fall, dass Michael Ballack abgetreten wäre. Ist das Ihre Rolle: der Schattenkapitän? 

Der Trainer hat sich anders entschieden, das habe ich akzeptiert. Die Frage war immer an mich herangetragen worden, ich habe sie von mir aus nie aufgeworfen. Es ist was Schönes, dass ich mit der Kapitänsbinde in Verbindung gebracht werde, doch ich habe alles dazu gesagt.

-Was Sie aber von sich aus gesagt haben, ist, dass Sie als rechter Verteidiger stärker wären als auf der linken Seite. Doch es hat sich eingespielt: Lahm auf links. Und nun schwärmen alle von der weltbesten linken Achse mit Ihnen, Zé Roberto und Franck Ribéry . Angesichts dieser Hochachtung können Sie nicht mehr ausscheren und müssen da links draußen bleiben.

Es macht Riesenspaß mit Franck und Zé. Wir haben alle drei Spaß am Fußball, sind technisch stark und passen gut zusammen. Meine Aussage war, dass ich mich am besten als rechter Verteidiger fühle, dass ich da am besten zur Geltung komme. Doch derzeit spiele ich auf hohem Niveau auf der linken Seite, und so kann es weitergehen. Das wird noch eine Zeitlang so sein.

-Die Fußballwelt ist begeistert von diesem Trio, doch Fußball, der aus Deutschland kommt, findet ansonsten keine Wertschätzung. Dass Ribéry bei der Wahl zu Europas Bestem 16. wird, ist lächerlich. Und auf der Kandidatenliste für den Weltfußballer keinen deutschen Namen. Die Nationalmannschaft wurde WM-Dritter und EM-Zweiter – warum nimmt man die Deutschen und die in Deutschland spielenden Ausländer nicht so wahr?

Ein Grund ist, dass wir letzte Saison nicht in der Champions League gespielt haben, sondern nur im UEFA-Cup. Die Spieler werden auf ihrem Top-Niveau gemessen, das erreicht man im UEFA-Cup nicht.

-Sieht man auch an Zenit St. Petersburg, dass es nicht leicht ist, neu reinzukommen in die Champions League. Dem UEFA-Cup-Sieger hatte man eine große Zukunft in der Königsklasse vorausgesagt. Jetzt ist Zenit ausgeschieden. 

Die hatten auch keine leichte Gruppe (mit Juventus Turin und Real Madrid, d. Red.), das muss man schon sagen. Aber es ist nicht selbstverständlich in der Champions League, die Gruppenphase zu überstehen, siehe Bremen. Auch nach Famagusta und Bukarest fährst du nicht hin und schlägst die einfach. Diese Mannschaften sind konkurrenzfähig, früher hattest du immer einen Gegner in der Gruppe, gegen den du sechs Punkte einplanen konntest.

-Vielleicht sehen wir nächste Saison Hoffenheim in der Champions League. Zur TSG wechselt nun Ihr alter Stuttgarter Kumpel Timo Hildebrand. 

Ich finde es schön, dass er in der Bundesliga zurück ist. Er war ein guter Torwart, ich habe ihn länger nicht mehr gesehen, doch denke nicht, dass er sich verschlechtert hat. Er wird Hoffenheim mit Sicherheit weiterhelfen.

-Beschließen wir das Jahr. Aber eines muss noch gesagt werden: Einen Höhepunkt haben Sie verpasst, nämlich den Besuch von Tischtennisstar Timo Boll bei der Nationalmannschaft. Ausgerechnet da haben Sie nach einer Verletzung Pause gehabt. 

Ich hatte wenigstens schon mal das Glück, im ZDF-Sportstudio mit ihm zu spielen. Ein schönes Erlebnis für mich als Freizeitspieler.

-Sie wurden vertreten von Arne Friedrich und Heiko Westermann, die bekannten, gerade mal drei von dreißig Boll-Angaben zurückgebracht zu haben. Sie sind seit dem Europameisterschafts-Aufenthalt im Tessin Tischtennis-Ranglisten-Führender im Nationalteam, hätten Sie mehr Bälle erwischt? 

Arne Friedrich spielt schon auf sehr gutem Niveau, ich glaube, ich hätte mich gegen Timo Boll genauso schwer getan.

Das Interview führte Günter Klein


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