20100622 faz interview

„Ich habe überhaupt keine Angst“

Philipp Lahm, der jüngste Kapitän einer deutschen Nationalelf bei einer WM, ist vom Weiterkommen überzeugt. Vor dem Spiel gegen Ghana spricht er im Interview mit der F.A.Z. über deutsche Fehler und strenge Schiedsrichter bei der WM.

22.06.2010

© DPA, „Wir müssen den Druck nach vorne erhöhen”: Der deutsche Kapitän Philipp Lahm

Philipp Lahm ist mit 26 Jahren der jüngste Kapitän einer deutschen Fußball-Nationalmannschat bei einer Weltmeisterschaft. Seine erste große Bewährungsprobe steht dem Nachfolger des verletzten Michael Ballack an diesem Mittwoch bevor (20.30 Uhr / FAZ.NET-WM-Liveticker). Dann ist er mitverantwortlich, ob sich die deutsche Elf gegen Ghana durchsetzen und das Achtelfinale erreichen kann oder nicht.

Scheitert man an dieser Aufgabe, dann wäre ein deutsches Team erstmals bei einer Weltmeisterschaft in der Gruppenphase ausgeschieden. Daran mag der kleine Außenverteidiger vom FC Bayern gar nicht denken. Er ist vom Weiterkommen überzeugt. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht Lahm über deutsche Fehler, Holger Badstuber und die Schiedsrichter bei der WM.

Die französische Nationalelf bricht auseinander, England und Italien hängen durch. Warum geben einige europäische Fußballnationen derzeit bei diesem Turnier ein sehr schlechtes Bild ab?

Wir dürfen nicht vergessen, dass viele kleinere Nationen aufgeholt haben. Deren Fußballer spielen in europäischen Topklubs, alles rückt oben an der Spitze noch enger zusammen. Und am Beispiel von Neuseeland sieht man, dass viele Mannschaften inzwischen sehr gut verteidigen können. Deshalb ist unsere Leistung nach den ersten zwei Spielen mit den vielen Torchancen, die wir uns erarbeitet haben, nicht hoch genug einzuschätzen. Das ist außergewöhnlich für dieses Turnier. Das zeigt unsere Qualität.

© DDP, Üben beim Rugby: „Das Passspiel muss wieder schneller werden”

Aber Qualität bedeutet, Torchancen auch in Tore umzuwandeln. Ist die deutsche Chancenauswertung zu gering?

Natürlich hätten wir gegen Serbien gerne unentschieden gespielt oder gewonnen. Mit elf Mann wäre das auch möglich gewesen. Es ist doch zu sehen, dass wir unheimlichen Druck nach vorne machen können. Das schaffen nicht viele hier.

Lob und Kritik lagen in den vergangenen Tagen sehr nahe beieinander.

Vor allem in der Außenbetrachtung unserer Mannschaft ging es hin und her. Nach dem ersten Spiel waren wir plötzlich WM-Favorit und das Finale war programmiert. Jetzt wird um uns gezittert. Intern haben wir uns immer realistisch eingeschätzt und unsere Fehler angesprochen, die noch da sind.

Welche Fehler?

Das Passspiel muss wieder schneller werden, wir müssen den Ball schneller von Station zu Station weiterleiten. Wir müssen den Druck nach vorne erhöhen. Gerade gegen Serbien ist das nicht so gut gelaufen. Aber ansonsten hat die Mannschaft zwei gute Spiele abgeliefert.

Sie haben vor Turnierstart die Messlatte sehr hoch gehängt und gesagt, es sei die beste Nationalelf, in der Sie bisher gespielt hätten. Wollten Sie sich damit auch als Nachfolger von Michael Ballack als Kapitän positionieren?

Ich habe eben diese Meinung und muss mich positionieren. Wir sind sehr breit aufgestellt, haben viele gute, technisch versierte Fußballer. Dazu sind wir kopfballstark, können schießen, sind robust und verfügen weiterhin über die deutschen Tugenden.

Sie sind erstmals Kapitän bei einem Turnier. Was hat sich damit für Sie als Spieler geändert?

Ich führe viel mehr Gespräche als vorher. Mit Spielern und dem Trainerteam.

An wem orientieren Sie sich bei Ihrer Aufgabe als Kapitän?

Ich hatte viele Kapitäne und erfahrene Spieler, mit denen ich in jungen Jahren zu tun hatte und an die ich mich erinnere. Jens Jeremies war einer bei den Bayern oder in der Stuttgarter Zeit Silvio Meißner und Zvonimir Soldo.

Wie unterscheidet sich Ihr Führungsstil von dem Michael Ballacks?

Ich kann nur sagen, wie ich es handhabe. Mein Führungsstil ist sehr kommunikativ, ich spreche viel mit den Leuten. Das heißt nicht, dass Michael es nicht gemacht hätte. Aber wir sind halt zwei unterschiedliche Charaktere, das kann man nicht vergleichen.

Bei der EM vor zwei Jahren kritisierte Ballack das Team sehr stark nach der Niederlage gegen Kroatien. Sie haben sich nach dem 0:1 gegen Serbien demonstrativ vor Ihre Mannschaft gestellt. Was ist der Unterschied?

Die Mannschaft war eine andere – und wir hatten gegen Kroatien wirklich sehr schlecht gespielt. Gegen Serbien hatten wir auch mit zehn Mann noch die Chance, das Spiel wenigstens unentschieden zu gestalten. Das ist eine ganz andere Situation als damals nach Kroatien.

Vor diesem „Endspiel“ gegen Ghana sind Stimmen aufgekommen, die sagen, jetzt brauche man einen erfahrenen Recken wie Ballack, um da durchzukommen. Ihre Mannschaft sei zu jung. Wie sehen Sie das?

Unsere Mannschaft ist so, wie wir sie haben. Wir müssen jetzt auf uns schauen und unsere Leistung bringen. Es hilft ja nichts. Wir brauchen nicht zurückzuschauen. Vielleicht ist genau dieses Endspiel hilfreich für unsere junge Mannschaft und bringt uns weiter.

Wie werden Sie Ihr Team einstimmen?

Eine deutsche Nationalmannschaft hat bei solchen Spielen einen großen Vorteil. Das zeigt doch die Vergangenheit. Jeder unserer Spieler kennt die Situation mit dem Druck, die meisten von uns spielen in großen Vereinen. Deshalb habe ich überhaupt keine Angst.

Selbst für erfahrene Teams können Endspiel-Situationen belastend sein.

Das kann sein. Aber unsere Mannschaft macht mir nicht den Eindruck, als könnte sie versagen. Es wird uns weiterbringen auf dem Weg durchs Turnier, jeder weiß dann, was zu tun ist, und wir sind vielleicht vom Viertelfinale an auf allen Positionen top eingestellt. Das hat gegen Serbien noch ein wenig gefehlt, dass wir zur richtigen Zeit die richtigen Entscheidungen getroffen haben. Wenn wir da hinkommen, dann sind wir Weltklasse. Das ist ein ganz normaler Prozess.

Wie verdrängen Sie den schlimmstmöglichen Fall, dass Sie der Kapitän einer deutschen Mannschaft sein könnten, die erstmals nach der Gruppenphase ausscheiden könnte bei einer WM?

Ich denke nicht daran. Ich weiß, was die Mannschaft leisten kann. Ich mache mir keine Sorgen, dass wir die nächste Runde nicht erreichen.

Das Ergebnis könnte auch großen Einfluss auf die weitere Zusammenarbeit mit Bundestrainer Joachim Löw haben. Der Verband will ihn anscheinend unbedingt halten, er selbst hat sich noch nicht entschieden. Wollen Sie mit ihm weiterarbeiten?

Man sieht es doch an der Mannschaft, dass wir gerne mit ihm weiterarbeiten würden. Wir haben eine gute Atmosphäre, er ist ein sehr guter Trainer. Aber diese Entscheidung liegt nicht bei uns.

Als Kapitän könnten Sie doch jetzt schon ein starkes Bekenntnis pro Löw abgeben.

Wir wollen mit Joachim Löw weitermachen – das ist klar. Aber es ist nicht unsere Entscheidung, sondern die von Trainer und Verbandspräsidium.

Wie ist Ihr Gefühl? Will Joachim Löw weiter Bundestrainer sein?

Seine Leidenschaft, die Freude und sein akribischer Arbeitsstil sind immer noch ganz klar zu sehen. Er ist ein Fußballfachmann, der immer das Beste herausholen will. Warum sollte das nicht so weitergehen wie bisher?

Glauben Sie, der Trainer lässt die Mannschaft gegen Ghana bis auf den gesperrten Miroslav Klose unverändert?

Ich glaube nicht, dass viel verändert wird. Die Mannschaft steht im Großen und Ganzen – wir müssen nichts über den Haufen werfen. Aber der Bundestrainer entscheidet das.

Joachim Löw hatte nach dem Serbien-Spiel die Einwechselspieler kritisiert, die aus seiner Sicht nicht viel bewegt hätten. Fehlt die Alternative?

Wenn man das Spiel verliert und von der 70. Minute an keine Torchancen mehr hat, ist das nicht gut. Da erwartet man natürlich mehr von den Spielern, die reinkommen. Aber das war eine Momentaufnahme. Ich trainiere jeden Tag mit dem ganzen Kader, und man erkennt, dass jeder Spieler in die erste Elf will oder eingewechselt werden will. Das hält eine Mannschaft am Leben. Eine starke Bank ist sehr wichtig – das zeichnet uns aus. Man könnte jeden aufs Feld schicken und wüsste, man hätte noch eine gute Mannschaft.

Holger Badstuber hat Kritik abbekommen, er war mitverantwortlich für das Gegentor gegen Serbien. Wie kommt er damit klar? Müssen Sie ihn unterstützen?

Wer ihm das Tor zum 0:1 ankreiden will, der hat von Fußball nicht viel verstanden. Man kann nicht jede Flanke verhindern. Irgendwann sind andere zuständig, die vor dem Tor den Raum sichern. In dieser Situation waren das Per Mertesacker, Arne Friedrich und ich. Das Tor kann man Holger nicht ankreiden.

Es ist auffällig, wie unterschiedlich die Spieler auf den Außenbahnen spielen. Müsste man nicht ausgeglichener agieren, um den Gegner mehr unter Druck setzen zu können?

Auf der linken Seite ist mit Lukas Podolski einer, der mehr wie ein Stürmer agiert. Holger Badstuber hinter ihm ist defensiv stark. Er ist mit Sicherheit mehr ein Innenverteidiger als ein Außenverteidiger. Er hält Lukas den Rücken frei, weil Poldi nicht so gerne defensiv mitarbeitet. Auf der rechten Seite vor mir kommt Thomas Müller gerne nach hinten zurück, schaltet sich in Zweikämpfe ein. Da kann ich auch mal nach vorne. Wir spielen auf den Seiten schon unterschiedlich, aber ich sehe da kein Problem.

Vor dem Serbien-Spiel war der Mannschaft nicht bekannt, dass der Schiedsrichter viel öfter als andere Schiedsrichter Gelbe Karten verteilt. Muss man sich bei diesem Turnier nicht auch viel besser auf die Unparteiischen einstellen?

Das habe ich danach auch gehört, dass er dafür bekannt ist. Es ist klar: Wir müssen aufpassen, nicht von hinten reingehen, sondern erst hinter den Ball kommen und dann den Gegner attackieren. Das muss die Mannschaft wissen. Die Schiedsrichter zücken derzeit sehr schnell die Karten. Es gab schon sehr viele komische Entscheidungen.


Das Gespräch führte Michael Ashelm.

Quelle: F.A.Z.


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