20040601 spiegel: Selbst gegen Frankreich ist uns

Lahm-Interview: "Selbst gegen Frankreich ist uns alles zuzutrauen"

2004.6

http://www.spiegel.de/sport/fussball/lahm-interview-selbst-gegen-frankreich-ist-uns-alles-zuzutrauen-a-302093.html

Innerhalb nur eines Jahres hat es Philipp Lahm von der Regionalliga zur EM geschafft. Mit SPIEGEL ONLINE spricht der kleinste (170 Zentimeter) und jüngste (20 Jahre) Spieler der DFB-Auswahl vor der Testpartie gegen die Schweiz über seinen schwächeren linken Fuß, Bayern München und die schlimmste Niederlage seiner Laufbahn.

Philipp Lahm (r.) auf der Überholspur: "Spiele zu Recht im Nationalteam"

 SPIEGEL ONLINE:

Herr Lahm, erinnern Sie sich noch, was Sie vor einem Jahr um diese Zeit so gemacht haben?

 Lahm: Da habe ich noch in der Regionalliga gespielt. 

SPIEGEL ONLINE: Im Amateurteam von Bayern München. Von da wurden Sie nach Stuttgart ausgeliehen. Ganz ehrlich: Was hatten Sie sich von Ihrem Wechsel zum VfB versprochen?

Lahm: Vom ersten Jahr hatte ich mir erhofft, dass ich einige Einsätze bekomme, vielleicht auch mal von Anfang an. Ich wollte in die Bundesliga reinschnuppern. Vor allem wollte ich regelmäßig bei den Profis mittrainieren, was ich bei Bayern nicht konnte. Dass es so läuft, habe ich nie erwartet.

SPIEGEL ONLINE: Wann haben Sie gemerkt, dass es läuft?

Lahm: Als ich in der Bundesliga meine ersten Spiele von Anfang an bestritten habe: erst gegen Dortmund, dann gegen 1860. Da habe ich gemerkt, dass ich richtig dabei bin, dass ich mithalten kann.

SPIEGEL ONLINE: Obwohl Sie Rechtsfüßler sind, haben Sie auf der linken Abwehrseite Karriere gemacht und wurden sogar Nationalspieler. Wie geht das?

Verteidiger Lahm: "Versuche, meinen linken Fuß zu verbessern"

 Lahm: Ich kann es selbst nicht erklären. Ich habe immer auf der rechten Seite gespielt und wurde als rechter Verteidiger zum VfB geholt. Im Ligapokal hat mich Felix Magath dann gefragt, ob ich auch links spielen kann. Da habe ich ja gesagt. Denn mir ist egal, wo ich spiele. Ich versuche, überall meine Leistung zu bringen. Ein Nachteil ist, dass ich nicht so gut zur Grundlinie laufen und mit links flanken kann. Dafür kann ich aber gut nach innen ziehen und mit rechts schießen - oder abdrehen und mit rechts flanken. 

SPIEGEL ONLINE: Was tun Sie gegen Ihr Handicap?

Lahm: Ich bin nach dem Training noch oft auf dem Platz geblieben und habe versucht, mit links zu flanken. Das werde ich auch weiterhin tun, um meinen linken Fuß zu verbessern.

SPIEGEL ONLINE: Es heißt, Sie seien jetzt schon beidfüßig?

Lahm: Nein. Das sind nur Gerüchte. Mein linker Fuß ist okay, aber noch nicht gut.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie nicht lieber auf der rechten Seite spielen?

Lahm: Ich spiele rechts so gerne wie links. Ich habe in Stuttgart gezeigt, dass das keine große Umstellung für mich ist.

SPIEGEL ONLINE: Ins Nationalteam sind Sie schnell berufen worden, weil dort seit Jahren die linke Verteidigerposition nicht dauerhaft zufrieden stellend besetzt werden konnte.

Lahm: Das war ein Vorteil für mich. Aber ich spiele sicher nicht in der Nationalmannschaft, weil es keinen anderen für diese Position gibt. Ich habe die ganze Saison über meine Leistung gebracht und sehe das als Belohnung. Ich spiele zu Recht im Nationalteam.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie darauf reagiert, dass Rudi Völler den routinierten Linksverteidiger Christian Ziege nachnominiert hat?

Lahm: Als Christian bei Bayern gespielt hat, war ich dort noch nicht einmal Balljunge. Wenn er mir Tipps geben würde, würde ich mich freuen. Er ist ein erfahrener Mann auf der linken Seite. Da kann ich mir noch was abschauen.

SPIEGEL ONLINE: Sie erwarten Tipps? Sie sind ihm doch vorgesetzt, und außerdem ist er jetzt Ihr Konkurrent?

Lahm: Ich bin erst 20 Jahre alt und kann noch einiges lernen. Christian hat etliche Länderspiele gemacht und war bei großen Turnieren dabei. Klar, er ist auch mein Konkurrent. Aber ich glaube, wenn ich meine Leistung bringe, werde ich im ersten Spiel auflaufen.

SPIEGEL ONLINE: Der Teamchef hat Ziege auch nominiert, damit er für Stimmung sorgt. Ist es in der Nationalmannschaft zu ruhig?

Lahm: Es war schon so ganz lustig. Und durch Christian Ziege ist es noch lustiger geworden.

SPIEGEL ONLINE: Aber auf dem Platz?

Lahm: Da könnten wir schon mehr miteinander reden. Auf jeden Fall. Daran müssen wir aber alle arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Was konkret erwarten Sie sich von der Europameisterschaft?

Lahm: Nur dabei zu sein, ist schon etwas Großartiges. Ich hoffe aber, dass ich meine Einsätze bekomme. Wir wollen erstmal die Vorrunde überstehen. Und im K.o.-System ist für deutsche Mannschaften ja immer viel drin. Ich denke, wir werden weit kommen.

SPIEGEL ONLINE: Sie glauben, dass die deutsche Mannschaft sogar Frankreich besiegen kann?

Lahm: Wenn wir einen Supertag erwischen, ist uns alles zuzutrauen. Selbst gegen die Franzosen. Und die sind die Topfavoriten auf den Titel.

SPIEGEL ONLINE: An einem schlechten Tag verlor Deutschland vor kurzem mit 1:5 in Rumänien. Wie haben Sie sich da gefühlt?

Bauchlandung: Beim 1:5 in Rumänien erzielte Lahm sein erstes Länderspieltor

 Lahm: Wenn man als deutsche Nationalmannschaft mit 1:5 verliert, schämt man sich. Man ist ärgerlich, sauer, enttäuscht. 

SPIEGEL ONLINE: War das die heftigste Niederlage Ihres Lebens?

Lahm: Ja. überlegt. Nein. am heftigsten war das Finale um die deutsche B-Jugend-Meisterschaft. Gegen Hertha BSC hatten wir 90 Minuten das Spiel gemacht, aber mit 0:1 durch ein Freistoßtor von der Mittellinie verloren. Das war meine bitterste Niederlage.

SPIEGEL ONLINE: Sie wirken sehr selbstbewusst. Hat Sie das Bundesliga-Saisonende mental überhaupt nicht erschüttert? Stuttgart verspielte in der letzten Partie die Champions-League-Teilnahme.

Lahm: An den ersten Tagen kamen wir nur schwer damit zurecht. Fast die ganze Saison waren wir ja unter den ersten Drei gewesen, und dann wurden wir am Saisonende nur Vierter. Das hat uns alle sehr enttäuscht. Jetzt, mit ein wenig Abstand, sage ich aber, dass es trotzdem eine Supersaison von uns war. Wir haben mehr Punkte gewonnen als im Vorjahr, als wir Vizemeister wurden.

SPIEGEL ONLINE: Aber der Weggang Ihres Förderers Magath nach München muss Sie doch schmerzen?

Lahm: Das ist sehr schade für uns. Er hatte viel Erfolg in Stuttgart gehabt. Aber so ist es eben.

SPIEGEL ONLINE: War es ein Thema, dass Sie schon jetzt mit ihm nach München wechseln?

Lahm: Mit mir hat darüber nie jemand gesprochen. Ich weiß nur, dass ich von 2005 wieder bei Bayern unter Vertrag stehe.

SPIEGEL ONLINE: Freuen Sie sich schon darauf, wieder mit Magath zusammenzuarbeiten?

Lahm: Ja, schon. Ich hatte mit ihm ein gutes Jahr hier. Da kann ich mich nicht beschweren. Aber warten wir doch erstmal die kommende Saison ab. Matthias Sammer ist mit Sicherheit auch ein guter Trainer. Ich bin optimistisch, dass er mit unserer jungen Mannschaft erfolgreich sein wird.

SPIEGEL ONLINE: Fühlen Sie sich nach Ihrem ersten Profijahr auch körperlich stark genug, die EM zu bestreiten?

Lahm: Man sagt immer, die erste Saison sei nicht so schlimm wie die zweite. Ich habe momentan keine körperlichen oder konditionellen Probleme. Mir geht es ganz gut.

SPIEGEL ONLINE: Wünschten Sie sich eigentlich manchmal, etwas größer zu sein?

 Lahm: Mir fehlt zwar im Kopfballspiele die Größe und auch ansonsten ein wenig die Robustheit, doch Kleinsein hat auch Vorteile: Ich bin wendiger und beweglicher als große Spieler. Und ich habe schon früh gelernt, gegen Größere zu spielen. 

SPIEGEL ONLINE: Fiel es Ihnen auch leicht, sich auf einmal im Training der Nationalmannschaft mit den Größen des deutschen Fußballs zu messen?

Lahm: Es ist schon etwas Besonderes, mit Spielern wie Oliver Kahn oder Michael Ballack zu trainieren, auch wenn sich das jetzt für mich normalisiert hat. Am Anfang jedoch fiel es mir nicht leicht, im Training reinzugrätschen. Vielleicht habe ich damals bei Bayern deswegen den direkten Sprung nach oben nicht geschafft.

Das Interview führte Till Schwertfeger


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