201104 klartext NACHSITZEN MIT… PHILIPP LAHM

2011.4

http://www.klartext-magazin.de/49K/was-bei-uns-los-ist/nachsitzen-mit-philipp-lahm/

Foto: privat

Der Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft ist in München zur Schule gegangen – das ist zwölf Jahre her. In minz* erinnert er sich an die Schikanen seines Deutschlehrers und daran, wie fast eine Klassenfahrt an ihm gescheitert wäre

Welches Fach mochtest du lieber: Mathe oder Deutsch?

Mathe, da war ich besser. Deutsch hat mir dann Spaß gemacht, wenn wir das Streiflicht der Süddeutschen Zeitung lesen sollten. Dann habe ich immer im Sportteil geblättert.

 

Klassenraum: Erste oder letzte Reihe?

Zweite Reihe. Mal links, mal rechts. Das hat variiert – so wie heute in der Viererkette (lacht).

 

Pausenbrot: Wurst oder Käse?

Ich mochte Wurst schon immer lieber.

 

Hausaufgaben: Abschreiben oder selber machen?

Meistens habe ich sie selber gemacht. Andere haben gern mal von mir abgeschrieben.

 

Also eher Streber als Rebell?

Ja, eher in Richtung Streber. Notenmäßig war ich immer Durchschnitt, weil ich lieber Fußball gespielt habe. In den Abschlussprüfungen hatte ich in Mathe und Physik eine Drei, in Deutsch und Englisch eine Vier. Geschwänzt habe ich kein einziges Mal. Ich war kein Rebell.

 

Du hast nie Ärger bekommen?

Naja, einmal habe ich die Jacke eines Mitschülers im Schrank versteckt. Das war ein Spaß. Er hat sich furchtbar aufgeregt und ist zur Lehrerin gerannt. Die hat uns gedroht, dass wir nicht zusammen ins Schullandheim fahren. Also habe ich alles zugegeben.

 

Was ist dein erster Gedanke, wenn du dich an deine Schulzeit erinnerst?

Superzeit. Ich sag öfter zu den Mannschaftskollegen, ich würde gerne mal wieder eine Woche in die Schule gehen, mit den Leuten von früher. Oder die Klassenfahrten: Wir haben mal eine Tour nach Österreich gemacht, mit Wildwasser-Rafting und so. Da waren wir 16, glaube ich. Zu der Zeit war in München gerade Oktoberfest, die zweite Woche. Und wir haben den Lehrern in den Ohren gelegen: Hätte man das nicht anders legen können? Es hat nichts genützt. Aber in Österreich haben wir ein Lokal gefunden, in dem es Oktoberfestbier gab. Dort sind wir abends hin.

 

Wie viele Maß hast du an einem Abend geschafft?

Weiß ich nicht mehr, aber nicht so viele. Es war nicht so, dass wir alle unterm Tisch lagen.

 

Dein traumatischstes Schulerlebnis?

In Deutsch mussten wir Gedichte aufsagen. Einmal kannte ich nur den Titel. Vorn zu stehen und zu reden war damals noch nicht meine Stärke.

 

Du spielst heute vor Millionen und hast dich damals kaum getraut, vor der Klasse ein Gedicht aufzusagen?

Ich weiß, dass ich Fußball spielen kann. Beim Gedichte aufsagen war ich mir nie so sicher.

 

Hat es die Lehrer genervt, dass du so viel Sport gemacht hast?

Mein Deutsch- und Geschichtslehrer hatte, glaube ich, ein Problem damit. Als ich in der U17-Nationalmannschaft war, wurde ich eine Woche vom Unterricht befreit. Der Direktor hatte nichts dagegen. Aber der Lehrer war stinksauer. Als ich zurückkam, haben wir eine Kurzarbeit geschrieben, so eine mit Ankreuzen. Direkt nachdem er sie eingesammelt hatte, hat er mich noch mal zu einem ganz anderen Thema ausgefragt. Das werde ich nie vergessen. Er hat mir eine Sechs gegeben, obwohl ich im schriftlichen Test eine Zwei hatte.

 

Haben deine Lehrer dich bei der Fußball-Karriere unterstützt?

Nicht alle. Nach der Mittleren Reife ging es darum, ob ich mich ganz auf den Fußball konzentrieren soll, oder ob ich auf die Fachhochschule gehen soll. Mein Klassenlehrer, Herr Meinhardt, hat meinen Eltern empfohlen, dass ich nicht nur Fußball spielen sollte.

 

Und deine Eltern haben nicht auf ihn gehört?

Zum Glück nicht. Zwei Jahre später wurde ich Profi in Stuttgart. Kurz darauf klingelte bei meinen Eltern das Telefon, Herr Meinhardt war dran. Er hat sich entschuldigt. Er hat gesagt, dass er falsch gelegen hat und dass er sich sehr für mich freut. Das war eine nette Geste.

 

Woran denkst du, wenn du Sommerferien hörst?

Der letzte Tag vor den Ferien, wenn alle gut drauf sind. Alle so (hebt die Arme, lässt sie auf den Tisch fallen): FERIEN! Nach der Schule haben wir alle zusammen noch eine warme Leberkäs-Semmel gegessen. Wir standen noch Stunden beieinander und haben den Moment genossen.

 

Und dann?

Dann bin ich ins Training gegangen (lacht).

 

Du hattest nie richtig frei?

Auch in den Ferien hatte ich einen vorgegeben Rhythmus. Aber Ferien waren für mich trotzdem Freiheit, ich hatte mehr Zeit für meine Freunde. Während der Schulzeit war das schwierig. Ich habe fast täglich trainiert – die anderen waren meistens ohne mich im Freibad.

 

Hättest du dich manchmal lieber mit Freunden getroffen?

Klar. Ich kenne Leute, die genauso gut gespielt haben wie ich, vielleicht sogar besser. Die aber mit 16, 17 nicht so diszipliniert waren. Wenn die abends alle ausgegangen sind, habe ich gesagt: Nee, muss morgen zum Spiel. Manchmal bin ich trotzdem mit. Dann bin ich aber um zwölf oder eins wieder heim.

 

Und eine Freundin? Hattest du überhaupt Zeit dafür?

Ich war spät dran. Meine erste Freundin hatte ich mit 17. Wir konnten uns nicht jeden Tag sehen, war aber kein Problem.

 

Kam sie am Wochenende immer zum Spiel?

(lacht) Sie hat sich irgendwann für Fußball interessieren müssen. Meine Freundinnen, genauso wie meine Frau heute, haben vorher nicht viel mit Fußball am Hut gehabt. 


评论

© fipstalker | Powered by LOFTER